Theorie

Die zentralen „Konzepte“ von Focusing sind Versuche, einzelne Aspekte des (Er-) Lebensprozesses zu beleuchten und – wie unter einem Vergrößerungsglas –zu beobachten und zu beschreiben. Man erkennt und versteht Abläufe, Vorgänge, Bewegungen.

Hier sind ein paar (wenige) bedeutsame Aspekte aus dem fließenden, vielfältig interagierenden Prozessdenken des Focusing-Begründers E.T.Gendlin:

Freiraum („making space“)

„Making space“ (Freiraum schaffen) bedeutet in unserem Zusammenhang, dass du dich – parallel zu den jetzt gerade ablaufenden inneren Prozessen (Emotionen, Gedanken, Bilder, Erinnerungen, Pläne…) – innerlich fragst: „Kann ich gut mit dem sein, was jetzt gerade passiert? Was brauche ich evtl., damit ich etwas besser mit dem sein kann, was jetzt geschieht?“ Die innere Kunst des „making space“ besteht also darin, von Moment zu Moment das Bewusstsein so zu regulieren, dass das „Ich“ sich weder vom inneren Erleben abspaltet noch vom Erlebensprozess absorbiert wird, sondern in der Lage ist, sich wertschätzend, interessiert und aufmerksam auf das gerade vor sich gehende Erleben zu beziehen. Die „gute innere Beziehung“ (Freiraum) ist nichts Abstraktes. Man fühlt den Unterschied unmittelbar. Die „Raum“-Metapher legt zwar die Vorstellung nahe, das es sich bei „Freiraum“ um einen mehr oder weniger statischen Zustand handelt. Das ist aber falsch. „Making space“ ist ein Prozess: Du findest „Freiraum“, verlierst diesen Zustand wieder, findest ihn wieder und so weiter. Ohne Freiraum kein Focusing.

Felt Sense

Als Lebewesen sind wir Wechselwirkungen. Der Körper lebt in der Situation, und die Situation lebt im Körper – und das, bevor wir uns darüber Gedanken machen oder danach fragen, welche Emotion wir fühlen. Diese vorsprachliche fühlbare „Resonanz“, in der „alles über die Situation“ mitschwingt, nennen wir „Felt Sense“. Das ist mehr als wir schon wissen und kennen, das ist eine noch nicht ausdifferenzierte subtile Vielheit. Felt Sense kann man wahrnehmen, man kann sich darauf beziehen. Und man kann sich überraschen lassen von den neuen, frischen Bedeutungen, die sich an dieser inneren „Stelle“ manifestieren möchten, wenn man dort möglichst absichtslos verweilt.

Situation

Im gewohnten verdinglichenden und zergliedernden Denken würden wir eine „äußere“ Situation (dieser andere Mensch, dieser Job, diese überfüllte Innenstadt, diese politische Gesamtsituation…) und eine „innere“ Situation (dieser Traum, dieses Gefühl, dieser Handlungsimpuls, diese Zukunftsvision…) unterscheiden. Im Wechselwirkungsbewusstsein von Focusing kann man diese Unterscheidung nicht machen. Bestenfalls könnte man sagen: „Situation“ ist nicht innen, aber auch nicht außen. Aber wo ist sie dann???
„Der körperliche Sinn, der Felt Sense, ist immer der Sinn in und von einem Kontext. Alles, was wir sagen oder denken, ist in einem Kontext, ist eingebettet in ein Gewebe. Es ist nie einfach nur es selbst, es ist nie abgeschnitten…Wo ist es? Es ist in einem Kontext. Was ist der Kontext? Der ist jedes Mal anders…Dieses Gewebe ist nicht subjektiv, es ist aber auch nicht draußen wie die Möbel in einem Zimmer. Wenn Sie weggehen, sind die Möbel immer noch da. Die Situation ist nicht mehr da, wenn Sie weggehen.“ Schwer verständlich? Eigentlich nicht: Ich gehe weg aus dem Zimmer mit den Möbeln, und es entsteht eine neue Situation. Je nachdem, wie für mich der vorherige Kontext war, bringe ich davon etwas mit in die neue Situation, es „hängt mir noch was in den Klamotten“, und dadurch ist die neue Situation sofort anders wie wenn ich aus einem anderen Kontext kommen würde. „Vergangenheit“, „Gegenwart“ und „Zukunft“, sowie „innere“ Zustände und „äußere“ Ereignisse erschaffen ein körperlich wahrnehmbares „Gesamt-Gewebe“ (Felt Sense), und darauf kann man sich beziehen.  (E.T.Gendlin, in: Focusing und Philosophie, S.40)

vorwärts tragen („carrying forward“)

„Der Körper impliziert den nächsten Schritt“. Ganz einfach: Hunger impliziert Suche nach Nahrung. Nahrung finden impliziert essen (fressen). Essen impliziert Verdauung, evtl. ein Nickerchen und so weiter. Bis man wieder hungrig ist. Das gilt im Prinzip auch für sehr viel komplexere Lebensprozesse.
Im Focusing entwickeln wir die Fähigkeit, auch winzige Bewegungen („shifts“) in die „richtige“ Richtung wahrzunehmen und zu unterstützen. Was „richtig“ ist, kommt aus dem Felt Sense, nicht aus gedanklichen Vorstellungen. Jede bewusst gespürte, vielleicht minimale Bewegung wird vom Körper mit einem kleinen (manchmal auch großen) „Aha-Erlebnis“ validiert: Ja, so stimmt’s jetzt! Ja, das ist jetzt der eine richtige Schritt. Jeder gesunde Entwicklungsprozess setzt sich aus solchen „shifts“ zusammen

strukturgebundenes Erleben („experiencing structure bound in its manner“)

Viele Bereiche unserer Alltagserfahrungen nehmen an diesen subtilen inneren Bewegungen nicht oder kaum teil – wir reagieren reflexartig und automatisch immer wieder ähnlich auf immer wieder ähnliche Auslöser: „Kennst du eine(n), kennst du alle.“ Solche automatischen Reaktionsweisen folgen einer einfachen „Wenn-dann-Logik“ nach einem schon vorgegebenen Schema. „Structure bound“ bedeutet: Das „Wenn-dann-Schema“ lässt wenig Spielräume für etwas Neues. Beispiel: Wenn sie (er) eine Augenbraue hochzieht, fühlt er (sie) sich kritisiert und beginnt sich zu rechtfertigen, weil er (sie) ja ohnehin schon „weiß“ was sie (er) denkt. „Strukturgebundene Prozesse“ sind nicht nur in Paarbeziehungen allgegenwärtig und eine besondere Herausforderung für „making space“ –  ein wichtiger Aspekt für Focusing Facilitation (siehe z.B. Gallen/Neidhardt: Das Enneagramm unserer Beziehungen, Rowohlt 1994)


Wer meint, wir hätten hier ein paar Bausteine für ein „Theorie-Gebäude“ beschrieben, der irrt sich. Die Metapher vom „Theorie-Gebäude“ legt nahe, dass eine Theorie aus Bausteinen, Wänden, Decken, verschiedenen Etagen usw. besteht, mit einer Architektur und solider Statik. Solche Theoriegebäude existieren in allen Wissenschaftsbereichen, und natürlich auch in der Psychologie. Z-B. ist die Psychoanalyse ein solches (imponierendes) Gebäude.

Mit so einem Gebäude können wir hier leider nicht dienen. Denn die „Konzepte“, mit denen wir im Focusing arbeiten, eignen sich grundsätzlich nicht als „Bausteine“ für eine Art des Denkens, das Einzelteile zu einem „Gebäude“ zusammensetzt. Deswegen nannte Gendlin diese Konzepte gern auch „komische“ Konzepte, weil sie fließende Vorgänge benennen. Das geht gegen den Strich unserer Denkgewohnheiten und unserer substantiv-lastigen Sprache.